Die Schaforgel

Vor einem Jahr sah ich in Rudolstadt in der Instrumentenbauerstrasse am Stand von Helmut Moßmann eine Sackpfeife mit zwei Bordunen, wie bei der Schäferpfeife, und zwei Melodiepfeifen... Das konnte doch nur, das mußte doch...genau: Der Nachbau einer Sackpfeiff, wie ich sie im Erzstifte Magdeburg gesehen..., sein, wie sie bei Praetorius überliefert ist. Eine andere Quelle aus der gleichen Zeit beschreibt eine Sackpfeife in der Gegend von Hildesheim, also nicht so weit ab vom Magdeburgischen, die auch so ausgesehen haben könnte, und nennt sie "Schaforgel". Das finde ich viel schöner, um nicht zu sagen poetischer, also will ich auch fürderhin bei ebendieser Sackpfeife als von einer Schaforgel reden. Man muß wohl davon ausgehen, das bei Praetorius' Darstellung der Schaforgel sowohl im Textteil als auch im Bildteil Ungenauigkeiten sind, was wohl zu verschiedenen Rekonstruktionsansätzen geführt hat. Ich weiß, daß Bodo Schulz an einer Rekonstruktion gearbeitet hat und wieder arbeitet, kenne aber keine Details.

Als nächste Verwandte der Schaforgel könnte man die Zampogna und einige Sackpfeifen vom Balkan ansprechen, die ebenfalls zwei Melodiepfeifen haben. Im Gegensatz zu Zampogna sind jedoch bei der Schaforgel die Bordune tiefer als die Spielpfeifen und liegen auf der Schulter des Musikanten, und die Spielpfeifen bilden eine durchgehende Tonleiter mit nur einem Ton Überschneidung (bei der Zampogna ist das nicht immer der Fall). Bei den mehrstimmigen Sackpfeifen des Balkan hat meist nur eine Pfeife die volle Skala, die andere hat nur ein Loch, kann also nur zwei Töne spielen (Oft im Quintabstand, als Wechselbordun).

Helmut Moßmann hat sich, um nicht zuletzt das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten zu vereinfachen, für eine Bauweise in G/D entschieden. Für die zwei Bordune (in einem gemeinsamen Stock) heißt das, daß der tiefere in G gestimmt ist, der höhere in d (auf c umstimmbar). Die Skala der Melodietöne verteilt sich auf zwei Spielpfeifen (auch in einem gemeinsamen Stock): Die tiefere (mit der rechten Hand zu greifen) ist zuständig für c, d, e, f#, g; die höhere für g, a, h, c, d, e. Die Spielpfeifen haben Doppelrohrblätter, konische Bohrung und werden mit offener Griffweise gespielt.

Seit fast einem Vierteljahr habe ich jetzt eine von Helmut Moßmann gebaute Schaforgel zu Hause, und denke nun, über meine ungebrochene Begeisterung für dieses Instrument hinaus, auch schon etwas Sachliches berichten zu können. Zunächst mal: Man kann alleine richtig zweistimmig spielen! Der Klang ist satt und obertonreich, aber nicht schrill. Durch die Verteilung der Skala auf zwei Pfeifen sind jedoch einige Dinge nicht durchführbar: Halbtonschritte durch Gabelgriffe und einige Verzierungen etwa. Außerdem macht Überblasen keinen Sinn. Bezüglich der Halbtöne habe ich Helmut vorgeschlagen, doch mit Doppellöchern (die man nach Bedarf abdeckt, wie es zum Beispiel einige Instrumentenbauer für die schwedische Säckpipa anbieten), und einem f-Daumenloch an der tieferen Spielpfeife zu probieren. Die Versuche laufen noch. Spieltechnisch gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, sich der Zweistimmigkeit zu bedienen:

 

  • 1. Man nimmt eine Melodie, die sich nur in der oberen Sexte abspielt, und benutzt die tiefere Pfeife für einen Wechselbordun (Je nach Harmonie z.B. g und f# abwechselnd, oder dauernd d). Das ist die einfachste Methode.
  • 2. Die Melodie wandert durch beide Pfeifen. Diejenige, die gerade "Pause" hat, spielt einen zur Harmonie passenden Ton (die tiefere wie unter eins, die höhere z.B. g und a).
  • 3. Zur Melodie auf der oberen Pfeife wird eine passende, kontrapunktische Melodie auf der unteren Pfeife gespielt (da wird's schon anspruchsvoller)
  • 4. Die Hauptstimme wandert wieder durch die volle Skala, und die Begleitung ebenfalls, und zwar in die von der Hauptstimme gerade nicht beanspruchte Pfeife.

Für all diese vier Methoden habe ich inzwischen Beispiele:

  • 1 bietet sich bei sehr vielen traditionellen Tänzen an (besonders alte), die oft den Ambitus einer Sexte nicht überschreiten (z.B. "Halfe Hannikin" oder "Knivel för", diverse franz. Farandoles und Bourrées, etc.).
  • 2 wende ich zum Beispiel bei "J'ai vu le loup, le renard et la belette" an.
  • 3 kann man bei einigen Stücken aus "Sackpfeifers Notenbuch" (heißt inzwischen wohl Spielmanns Notenbuch) anwenden. Zum Beispiel bei einer Gavotte aus Praeorius' "Terpsichore" (sic!) oder bei Phalèses "Branle de Bourgogne".
  • Meine Quelle für 4 ist ebenfalls Sackpfeifers Notenbuch. Ich habe zwei Rondeaus, zwei Rigaudons und eine Gigue von Joseph Bodin de Boismoitier auf die Schaforgel umgeschrieben (was keine große Arbeit war, außer bei ein paar ungünstig gelegenen Terzläufen).

Im freien Zusammenspiel mit anderen, wenn's ans Improvisieren geht, oder richtig feist "nach vorne weg", bevorzuge ich jedoch die Möglichkeiten 1 und 2. 3 und 4 wirken leicht überladen. Wobei immer noch ein Plätzchen für drei, vier Extranoten an exponierten Stellen ist (Um zum Beispiel einen "Themenwechsel" zu verdeutlichen).

Die Schaforgel hat sich für mich in kürzester Zeit als vollwertiges, beeindruckendes Soloinstrument wie auch als Begleitung herausgestellt (Geht zum Beispiel wunderbar mit Geige oder Klarinette). Wenn man sich übrigens mit der Schaforgel in eine Nische stellt (mit dem Rücken natürlich), haut's einem fast den Kopf weg! Saugeiles Geräusch!

Patrick Goeser

 

Nachtrag:

Nach einiger Zeit der Praxis auf der Schaforgel ist es mir nun doch gelungen, durch Gabelgriffe - zunächst - zwei Halbtöne zu erzeugen, und zwar auf der Oberpfeife das B und das hohe Es. Beide sind ziemlich gut im Ton und unaufwendig von der Grifftechnik, so daß sie sich auch in chromatische Läufe einarbeiten lassen. Nun heißt's weiterüben und das F sowie das tiefe Es finden!

Patrick Goeser, Januar 2001