Das Studium zum "Piping Degree"

Ein Erfahrungsbericht von Thomas Zöller


Thomas Zöller

In letzter Zeit tauchten „hier und da“ immer wieder verschiedenste Infos über das sogenannte „Piping Degree“ auf. Dabei gab es immer wieder Verwechslungen mit anderen Kursen, die man jedoch ausschliesslich am National Piping Centre oder College of Piping machen kann.

Das „Piping Degree“ ist ein staatlich anerkanntes, drei Jahre dauerndes Studium das mit einem Bachelor abschliesst. Es wird in Schottland, Glasgow, von der Royal Scottish Academy of Music and Drama in Zusammenarbeit mit dem National Piping Centre angeboten.

Da ich selbst an dem Kurs teilnehme – ich mache diesen Sommer - so Gott will - meinen Abschluss, habe ich zur Klärung/Info diesen kleinen Artikel geschrieben. Für alle Interessierten also anbei also die Wahrheit, die reine Wahrheit, und nichts als die absolute Wahrheit!!! ?


Zu meinem Hintergrund:

Mein Name ist Thomas Zöller, ich komme aus Hofheim/Ts bei Frankfurt am Main.
Ich bin seit 1998 Berufsmusiker mit dem Hauptinstrument Great Highland Bagpipe (sowie Scottish Smallpipes und Borderpipes). Seitdem habe ich den Dudelsack auf verschiedenste Art und Weise kennengelernt und eingesetzt: Sei es traditionelle schottische oder irische Musik, verwandte Formen wie die Musik der Bretagne, ferne musikalische Welten wie Ungarn, Bulgarien, Persien oder Indien, Popmusikproduktionen, elektronische Musikprojekte oder auch mittelalterliche Musik deutschen und anderen kulturellen Ursprungs.

Ich bin Mitglied des Ensembles Estampie aus München, Gründer der Folkband Otterflug sowie Mitbegründer der Band Às a’ phíob. Mitgewirkt habe ich auf verschiedenen CD-Produktionen, u.a. Qntal III und IV, den Debutalben von Anna-Maria Kaufmann und Adversus sowie dessen bald erscheinenden Nachfolger. Weiterhin war ich als Gastmusiker bei Adelante und Andra’s Zauberband tätig. Ausserdem arbeite(te) ich regelmässig als Dudelsacklehrer.


Zum Prozedere des Bewerbens für das Studium

Roddy MacLeod vom National Piping Centre wies mich in einer email im Sommer 2001 auf die Möglichkeit hin, mich für die Aufnahmeprüfung 2002 anzumelden. Diese finden alljährlich statt, jeweils im Januar. Bewerbungsschluss ist irgendwann im November. Ich hatte Roddy sowie andere Lehrer die innerhalb des Kurses unterrichten zuvor am Piping Centre kennengelernt, als ich im Januar/Februar 2001 dort privat Unterricht nahm. Der Kurs selbst ist relativ neu. Das „Bachelor of Scottish Music“ gibt es seit 1996, den Zusatz „Piping Degree“ seit 2001.

Ich selbst war mir anfangs sehr unsicher, ob ich überhaupt an dem Kurs teilnehmen wollte; was es bringen würde. Es gab leider niemanden, der mir damals etwas über das Studium aus „deutscher Sicht“ hätte sagen können – es hat nämlich noch niemand ausser Schotten, Iren oder Amerikanern gemacht. (In Irland, Limerick, gibt es übrigens einen ähnlichen Kurs).

In der Aufnahmeprüfung muss man ca. 30-45 Min. vorspielen. MSR, Hornpipe+Jig, Pibroch, Slow Air, Tunesets etc. Ausserdem muss man ein Stück vom Blatt spielen, sowie Phrasen übers Gehör erkennen und nachspielen. Ein Interview ist ebenso Bestandteil der Prüfung. Dabei sollen sich die Ambitionen des Bewerbers herauskristalisieren. Die Prüfungskomission besteht aus 4 Personen – in meinem Fall waren das: Brian McNeill, Allan MacDonald, Jimmy Banks sowie Peggy Duesenberry.

Als Instrument, um sich für den Kurs bewerben zu können, ist alles erlaubt was innerhalb der schottischen Folkmusik zu hause ist – z.B. : Harfe, Fiddle, Gesang (Gälisch + Schottisch), Dudelsack (als Erstinstrument nur GHB), Gitarre, Percussion (meist Bodhran/Snear), Whistle, Flute, Piano etc.

Man muss neben dem Erstinstrument auch ein Zweitinstrument anbieten, prinizpiell aus der obigen Liste. Ich selbst hatte das grosse Glück, dass mein Sonderwunsch Tabla (nordindische Percussion) akzeptiert wurde. Alternativ hatte ich Whistles angeboten, war aber sehr viel mehr an den Tablas interessiert, da mich indische Musik seit jeher fasziniert hat. In Glasgow selbst, wie auch sonst in GB, gibt es eine grosse indische/pakistanische Gemeinschaft. Darunter ist auch der international anerkannte Tablameister Vijay Kangutkar, der mein Tablalehrer wurde.

Im ersten Jahr habe ich freiwillig ein drittes Instrument, Piano gespielt/gelernt – das ist aber nicht Pflicht.


Inhalte/Allgemeines zum Studium

Es gilt sehr viel akademische Arbeit innerhalb des Kurses zu bewältigen, ein Faktum das (leider!) recht schnell den ein oder anderen erstklassigen Musiker abgeschreckt, und auch schon viele Diskussionen über eine Umstrukturierung ausgelöst hat. In meinem Jahrgang fingen wir mit 15 Studenten an, vier davon sind frühzeitig gegangen – was aber auch teils andere Gründe hatte. Die Aufsätze selbst werden in „akademischen“ Englisch geschrieben, es wird keine Rücksicht auf „sprachliche Ausländer“ genommen. Man wird unter den gleichen Kriterien beurteilt.

Auf der praktischen Seite gibt es wöchentlichen Instrumentalunterricht, der in Form von Einzelstunden stattfindet. Zusätzlich gibt es Gruppenunterricht.

Am Ende eines jeden Jahres gibt es schriftliche Hauptexamen. Selbige können in allen Fächern stattfinden. Im ersten Jahr war das ziemlich heftig, ca. 12 mehrstündige Prüfungen in 3 Wochen gab es damals zu bewältigen.

Der Andrang ist gross, das Niveau sehr hoch. Brian McNeill (Battlefield Band) ist „Head of Department“ – er organisiert den Kurs und unterrichtet auch. Überhaupt ist die Liste erstklassiger Musiker, die innerhalb des Kurses unterrichten schier endlos:

Roddy MacLeod (Direktor des Piping Centre), Jimmy Banks (Ex-Scots Guards, Head of Piping), Gavin Stoddart (Ex-Army School of Piping), Allan MacDonald (Allan MacDonald!!) , Finlay MacDonald (The Finlay MacDonald Band, hat selbst den Kurs „Bachelor of Scottish Music“ gemacht), Ian MacDonald (Battlefield Band, Nielston and District Pipe Band – gemeinsam mit u.a. Carlos Nunez), Brian McNeill (Battlefield Band, To answer the Peacock, Head of Scottish Music), Alison Kinnaird (Celtic Harp), Alison McMorland (Scots Song), Margaret Bennett (Folklore), Andy Hunter (Scottish History), Kenna Campbell (Gaelic Song), Ian MacInnes (Radio BBC, Pipeline), Hugh Cheape (National Museum Edinburgh), Hamish Moore (The Three Treasures, Pipemaker), Bob Shepherd (R.T. Shepherd&Son), Karen Marshallsay (Harfe), Steward Eydmann (Concertina, Whstlebinkies), Jack Evans (The Easy Club), Barnaby Brown (Siubhal), Ian Fraser (Fiddle), Wendy Stewart (Ceolbeg).....die Liste liese sich noch lange fortsetzen.

„Gastlesungen“ gibt es von Musikern aus aller Herren Länder – Bretagne, Irland, Dänemark, Norwegen, Nigeria, Russland, Italien...


Spezielle Zusatzfächer für Piper

Diese finden am Piping Centre selbst statt und sind u.a History & Repertoire (jede Woche unterschiedliche Gäste unter der Leitung von Allan MacDonald), Light Music des 18/19/20/21. Jh., Techniques of Piping, verschiedene Pibrochstile, Gruppenunterrricht, Besuche bei/von Pipemakern oder z.B. RSPBA (Royal Scottish Pipeband Association). Modernes Piping ist ebenso Bestandteil wie Canntaireachd; der Bogen ist bewusst so weit gespannt.


Die RSAMD

Die Hauptzeit des Studiums verbringt man, auch als Piper, an der Royal Scottish Academy of Music and Drama. An dieser Uni kann man u.a. folgendes studieren: Jazz, Oper, Schauspiel, Klassik, Bühnenbild, schottische Musik. Es sind insgesamt ca. 700 Studenten an der Uni selbst.

Innerhalb des „Departments of Scottish Music“ gibt es ca. 35-40 Studenten. Ca. 10 pro Jahrgang, sowie einige die nach dem regulären Studienzeit (3 Jahre) ein „Honours-Jahr“ dranhängen, sowie der ein oder andere PhD Student (Dr.-Titel). In meinem Jahrgang sind 3 Piper, was ungefähr dem Durschnitt entspricht.


Fächer an der RSAMD

Diese finden für alle Studenten, nicht nur Piper, statt. Unter anderem wird folgendes unterrichtet:

Introduction to Scottish Music, Folklore, Scottish History, Gaelic, Scots, Studies in Tradional Music, Contemporary Studies in Traditional Music, Listening Skills, Harmony, Teaching Skills, Fieldwork, Dance, Workshops, Groupwork.

Aber natürlich gibt es neben dem Studium selbst einen riesiegen Pool an Erfahrungen die gemacht werden wollen. Nicht nur Sessions, Konzerte oder Festivals wie Celtic Connections, in das die Studenten auch involviert werden, bieten fantastische und einzigartige Möglichkeiten, die Kultur „live“ zu erleben.

Sonstiges

Neben der akademischen Arbeit gibt es drei praktische Hauptprüfungen pro Jahr – zwei im Erstfach, eine im Zweitfach. Während man in diesen Prüfungen anfangs nur ca. 15 Min. Programm darbieten muss, sind es in der Abschlussprüfung ca. 45 min. Ein vielfältiges Programm wird erwartet. Was Piper betrifft könnte z.B. folgendes Inhalt sein: MSR, Hornpipe & Jig, Tunesets, Pibroch, Slow Airs, Bretonische oder Irische Sets, gälische/schottische Lieder mit Smallpipes selbst begleitet. Verschiedene Stile sind erwünscht (z.B. 19th century style vs. Modern).

Selbstständiges Arbeiten neben der Uni, in Form von u.a. Üben ist selbstverständlich. Die Wochenstunden an der Uni selbst varriieren zwischen 15-25.


Was bringt’s

Rein faktisch gesehen ermöglicht das Studium Pipern erstmalig einen staatlich anerkannten Studiengang zu absoliveren, und dadurch u.a. an Schulen Musik unterrichten zu können. Die Studiengebühren belaufen sich momentan auf ca. €1800,- pro Jahr für EU-ler. Alle anderen, wie z.B. unsere „amerikanischen Freunde“, von denen eine exzellente Piperin in meinem Jahr ist, zahlen fast das zehnfache.

Der eigentliche Entschluss an dem Kurs in Schottland teilzunehmen hatte letztlich vielerlei Hintergründe. Zwar wollte ich in erster Linie meine Spielfähigkeiten am Instrument selbst verbessern, aber auch andere Aspekte des Kurses erschienen mir sehr wertvoll. Die Möglichkeit Gälisch zu lernen war ebenso ein Anreiz wie der mehrfach wöchentliche Instrumentalunterricht oder Lesungen in schottischer Geschichte. Mein Hauptziel während des Studiums war also, die schottische Kultur als Ganzes, und dadurch auch letztlich mein eigenes Instrument wirklich verstehen zu können. Dabei hatte ich persönlich sehr grosses Interesse an den schottisch-gälischen Aspekten des Kurses.

Allan MacDonald of Glenuig ist einer der Dozenten innerhalb des Kurses für den Instrumentalunterricht auf den Highland Pipes. Er ist heutzutage gewiss einer der wichtigsten Repräsentanten der gälischen Musik Schottlands. Da ich ihn gute 1 1/2 Jahre zuvor kennengelernt habe, war ich sehr auf seinen Unterricht gespannt. Er war einer der Hauptgründe für mich den Kurs zu machen – vor allem nachdem ich seine Interpretation von „Glengarry’s March“ auf der CD „Ceòl na pìoba“ gehört hatte.

In den vergangenen 2 1/2 Jahren habe ich unglaublich viel bei ihm gelernt. Neben dem Unterricht ist ausserdem eine Freundschaft und auch musikalische Zusammenarbeit entstanden – 2003 und 2004 haben Allan und ich gemeinsam Konzerte gegeben und unterrichtet.

Durch das Studium habe ich nicht nur viele musikalische Erfahrungen machen, sondern auch sehr intensive Kontakte knüpfen können. Neue Projekte sind möglich geworden, darunter auch eine Schule für Dudelsackunterricht, die Dudelsack-Akademie, die ich in naher Zukunft in Deutschland eröffnen werde. In ihr werden u.a. auch schottische Lehrer involviert sein, die ich u.a. durch diesen Kurs kennenlernen konnte.

Das Studium hat es mir nicht nur ermöglicht musikalisch über den „eigenen“ Tellerrand zu blicken, sondern auch die nötigen Mittel die Hand gegeben um das was dahinter liegt verstehen und nutzen zu können!

Bei sich ergebenden oder offenen Fragen stehe ich einen jedem gerne unter www.thomaszoeller.com über das Kontaktformular zur Verfügung.

Beste Grüsse aus derzeit Glasgow,
Thomas Zöller