Die literarische Sackpfeife

Dudelsack in Romanen und Erzählungen


Ich spiele Dudelsack. Leidenschaftlich. Seit über zehn Jahren. Und ich lese Bücher. Leidenschaftlich. Auch seit über zehn Jahren. Viel, viel länger...und ab und zu stieß ich in den Büchern auf meine andere Leidenschaft, Dudelsäcke. Aber meistens traten die dann eher am Rande auf. Kein Roman, der in Schottland spielt, in dem nicht irgendwann, irgendwo jemand die GHB betreibt, viele Szenen in irischen Pubs, wo die UP aufgepumpt werden. Oder bei Hans Bemmanns „Stein und Flöte“, wo auch immer wieder sackpfeifende Spielleute auftauchen. Letzteres ist sowieso ein wunderbarer mittelalterlich-fantastischer Roman mit der Musik im Mittelpunkt. Es gibt wenig Schriftsteller, die Musik adäquat in Worte umsetzen können, aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Dudelsäcke in der Literatur...also meistens sind sie ja eher folkloristisches Beiwerk, aber es gibt ein paar Ausnahmen, wo sich, zumindest in einigen Kapiteln, Sackpfeifen als zentrales literarisches Objekt zeigen. Und davon will ich kund und zu wissen tun!

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen; Der abenteuerliche Simplicissimus
Hier spielt eine Sackpfeife direkt in den ersten Kapiteln eine Rolle, die dem armen Simplicissimus fast das Leben kostet. Er hütet die Schweine und Ziegen seines Vaters im Wald im Spessart und spielt dabei Dudelsack, was einen Trupp berittener Landsknechte anlockt, die sich verlaufen hatten. Nachdem die sich einige Späße mit Simplicius und seinem Dudelsack erlaubten, plünderten sie dessen väterlichen Hof und taten den Bewohnern die damals üblichen unschönen Sachen an. Darauf muß Simplicissimus die Heimat verlassen. So kann man sagen, daß seine Sackpfeife der Auslöser von Simplicissimus‘ Abenteuern war.
Ach so, das Ganze spielt während des 30-jährigen Krieges, an dessen zentralen Ereignissen der Romanheld teilzunehmen die oft zweifelhafte Ehre hat.
(Gibt’s in vielen Ausgaben. Bezüglich der Sackpfeife sind die Kapitel zwei und drei relevant. Ich selbst habe die Ausgabe von Artemis & Winkler ISBN 3-538-06510-1)

George Sand, Les maîtres sonneurs
Diesen Roman gibt/gab es leider nicht in deutscher Übersetzung, aber es gibt zwei englische: “The bagpipers“ und „The master pipers“, so daß auch nicht frankophonen Sackpfeifern der Zugang erleichtert wird. Eine deutsche Übersetzung müsste sinngemäß den Titel haben „Die Meisterpfeifer“ oder „Die Meister des Dudelsacks“. Schon am Titel sieht man, welch zentrale Rolle Dudelsäcke – vor allem die cornemuse berrichonne und die grande bourbonnaise – in diesem Roman spielen. Die Handlung spielt in den 1770er Jahren in Berry und im angrenzenden Bourbonnais in Zentralfrankreich (und wenn man dann noch weiß, daß Madame Sand in Nohant in Berry unweit St. Chartiers lebte, und das St. Chartier der zentrale Ort der „Maîtres Sonneurs“ ist, wundert einen gar nicht, daß ausgerechnet dort ein recht bekanntes Dudelsackfestchen steigt), und im Zentrum stehen drei Kinder (am Ende des Romans sind sie dann erwachsen), die quasi als Geschwister aufwachsen: Joseph, Tiennet (Etienne) und Brulette (Catherine).
Während Tiennet sich in Brulette verliebt, die allen Kerlen des Dorfes restlos den Kopf verdreht, ist sich Joseph seiner Gefühle überhaupt nicht klar, und kann sie auch nicht ausdrücken. Das sorgt für einige Verwicklungen. Letztendlich werden Tiennet und Brulette glücklich, wenn auch nicht miteinander, sondern mit einem Geschwisterpaar aus dem Bourbonnais, so dass sie dann immerhin Schwager und Schwägerin sind. Jospeh hingegen entdeckt seine Leidenschaft für die Musik, besonders den Dudelsack, und findet sowohl Lehrer als auch Instrument durch den Vater des oben erwähnten Geschwisterpaares. Als er sich dann anschickt, der Geheimgesellschaft der „Maîtres sonneurs“ anzuschließen, wird ihm übel mitgespielt, und am Ende verliert er Dudelsack und Leben.
In dieser Handlung spielen noch die Rivalitäten zwischen dem „wilden“ Bourbonnais und dem „sanften“ Berry eine Rolle, und das „Logenwesen“, das in den verschiedensten Berufen auftritt, und das in Frankreich so etwas gewesen sein muss wie eine Kombination aus Handwerkszunft plus Freimaurerei (so in etwa).
Du Guten in diesem Roman sind schon fast unerträglich gut und nett, und die Bösen sind nicht nur Schufte, sondern auch hässlich, aber trotzdem habe ich das Buch mit viel Vergnügen gelesen!
(Es gibt derzeit eine zweibändige französische Taschenbuchausgabe. Ich habe die englische Ausgabe von Cassandra Editions, ISBN 0-915864-45-2, gelesen)
PS: In dieser Übersetzung hatte der Übersetzer offensichtlich Probleme mit der Terminologie des Dudelsacks und französischer Tanzmusik...aber darüber kann man hinwegsehen.

Kálmán Mikszáth, Lapaj, der berühmte Sackpfeifer
Diese kleine Erzählung spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im slowakisch-ungarischen Grenzgebiet (das damals ja kein Grenzgebiet war, sondern mitten in der k.u.k. Monarchie lag).
Lapaj ist ein seltsamer Kauz, ein Eigenbrötler, der an seinem Beruf als Feldhüter vor allen Dingen mag, daß er kaum mit Menschen Kontakt hat. Und er ist ein begnadeter Dudelsackspieler...Als zwei Virtuosen aus der nächsten Stadt sein Instrument kaufen wollen, lehnt er rundheraus ab.
Eines Tages bittet ihn jedoch eine junge Frau um Hilfe, er bleibt jedoch gleichgültig. Selbst als er Zeuge wird, wie sie sich im Fluß ertränkt, ist ihm das gerade ein Vater Unser wert. Zurück in seiner Hütte findet er jedoch ein Kind, das die Frau bei ihm versteckt hat. Das berührt ihn so, dass er sich des Findlings annimmt, und letztendlich sogar seinen Dudelsack gegen eine Matratze, Kissen Decken und eine Ziege eintauscht, damit er das Baby am Leben erhalten kann.
(Manesse Verlag, ISBN 3-7175-8259-3)

Henning Boëtius, Schönheit der Verwilderung
Dies ist eine Romanbiographie über den jungen Wilden der deutsche Barocklyrik, Johann Christian Günther. Ende des 17. Jahrhunderts geboren, hat er eine relativ beschauliche Kindheit in Schlesien, bis er sein unstetes Scholaren- und Studentenleben beginnt. Er fängt gefährliche Affären an (gerne mit verheirateten Frauen), und gegen Alkohol im Übermaß hat er auch nichts einzuwenden. Und außerdem dichtet er. Gerne auch Spottgedichte, was die Zahl seiner Förderer abnehmen und die seiner Ortswechsel zunehmen lässt.. Als er einen Freund in Oberschlesien besucht, während es ihm richtig schlecht geht, lässt Günther sich von ihm auf dem großen Bock vorspielen, was eine ganz eigentümliche und heilsame Wirkung auf den Dichter hat (Heute würde man Johann Christian Günther vermutlich manisch-depressiv nennen). 1723 stirbt Günther völlig verarmt in Jena. Die Stelle mit dem großen Bock ist sicherlich von Boëtius erfunden, aber sie paßt hervorragend in das wilde und manchmal etwas wahnsinnige Leben Johann Christian Günthers.
(btb, ISBN 3-442-72830-4)

Annette Pehnt, Insel 34
Ein ungewöhnlicher Roman über eine seltsame junge Frau in einem seltsamen Land. Das Land gibt es nicht (aber es ist kein Fantasy-Roman), und wenn es es gäbe, ich wüsste nicht, ob ich dort hinreisen wollte. Es gibt eine Küste, aber die ist völlig unattraktiv. Mückenverseucht, sumpfig bis karstig, keine weißen Strände, keine beeindruckenden Klippen. Vor der Küste liegt eine Kette von Inseln, die so nichtssagend sind, daß sie keine Namen haben, nur Nummern: 1-34. Dabei sind sie durchaus bewohnt. Aber die einzige regelmäßige Verbindung ist das Müllschiff, das alle paar Wochen die Abfälle der Küstenregion und der Inseln auf die Müllinsel (NR. 33) bringt.
Die junge Frau war als Mädchen unglaublich: Hübsch, intelligent, sportlich, alles flog ihr zu, bis ihr Vater eines Tages meinte, dass es so nicht ginge, ein Mensch muss Leidenschaft für eine Sache entwickeln, in der dann besondere Leistungen zu zeigen sind, man könne nicht sein ganzes Leben in allen Dingen gleich hervorragendes leisten. Also sucht sich die Ich-Erzählerin eine Leidenschaft: Nach einiger Zeit der Ratlosigkeit stößt sie auf ein Buch über die Inseln, und sie ist gepackt. An der Universität studiert sie die Inseln: Geologie, Geographie, Ethnologie, etc. Sie lernt – rein theoretisch – den Inseldialekt, und erfährt, dass auf einigen dieser Inseln Sackpfeife gespielt wird. Nach einigen Jahren Beschäftigung mit den Inseln, und einigen Semestern Studium, beschließt sie nun, einmal die Inseln zu besuchen, vor allem Nr. 34. Ein Unding! So was hat seit Generationen kein Professor und kein Student unternommen. Aber gegen alle Widerstände macht sie die Reise (Nicht vergessen: Es gibt keine Fähren!), und bleibt zunächst einige Zeit auf Nr. 29. Dort mietet sie sich ein Zimmer und guckt sich um. Um sich den Kontakt zu den Autochthonen zu erleichtern, beschließt sie, Sackpfeife spielen zu lernen, was allgemeines Befremden auslöst...also, man muss es einfach selber lesen, die seltsame Stimmung, die auf der Insel herrscht, diese Gruppe von reichen Damen, die ein völlig separiertes und dekadentes Leben führen, die Sackpfeiferei, die Weiterreise der Protagonistin auf andere Inseln. Manchmal sind die Situationen nur grotesk, oft genug kafkaesk, ein wunderbar seltsames Buch!
(Piper Verlag)

MacCrimmon der erste Dudelsackspieler / nach dem Lied des gälischen Barden Alasdair aufgezeichnet / von JEAN
Ein wunderbares kleines Büchlein, das erzählt, wie der Dudelsack in die Welt gekommen ist, und was sein Besitzer und keltischer Held MacCrimmon an Abenteuern zu bestehen hat. Mit herrlich vielen keltischen Übertreibungen, kleinem Volk und anderem mehr.
(Sonne Mond & Sterne Verlag)

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