Gute und Böse Musikinstrumente

Gedanken zur mittelalterlichen Ikonographie


Aus der Zeit vor 1500 gibt es nur wenige Darstellungen von Maultrommeln. Der älteste bekannte Bildbeleg für dieses faszinierende Instrument ist die Skulptur eines Engels in der Kathedrale von Exeter.
Die Maultrommel selbst ist dort skurrilerweise nicht zu sehen. Die Engelsskulptur befindet sich an der sogenannten Sängerkanzel, die um 1350 entstanden sein soll und auf der mehrere Engelsfiguren verschiedene Musikinstumente spielen. Die typische Handhaltung einer Figur und die Gesellschaft, in der sie sich befindet, lassen den Schluß zu, daß der Engel eine jetzt verschwundene Maultrommel spielte.

Maultrommelspieler aus der Kirche von Härkeberga, Uppland, Schweden. Albertus Pictor, Ende 15. Jahrhundert

Die einzige mittelalterliche Darstellung einer Maultrommel in Skandinavien stammt aus der Kirche von Härkeberga in Schweden. Es handelt sich um eine Kalkmalerei aus der Zeit um 1480. Dargestellt ist ein hockender Maultrommelspieler mit einem übergroßen Instrument. Der zwischen seinen Beinen hängende gigantische Nierendolch (den die Autoren des 19. Jahrhunderts nur deshalb nicht als "Hoden - und Penisdolch" bezeichneten, weil die Moral ihrer Zeit es nicht zuließ) wirkt obszön und karikierend.

Man könnte glauben, das Musikinstrument Maultrommel hätte vom 14. zum 15. Jahrhundert einen Bedeutungswandel erfahren, wäre da nicht eine weitere Darstellung: Im späten 15. Jahrhundert begegnet uns ein weiterer maultrommelspielender Engel auf einem Ölgemälde eines Hans-Memling-Nachfolgers, das Maria mit dem Christuskind und drei musizierenden Engeln zeigt.

 

Maultrommelspielender Engel auf der rechten Seite der thronenden Maria mit Kind und drei musizierenden Engeln, Belgien, Gent. Schule von Hans Memling, spätes 15. Jahrhundert

Ist die Maultrommel in der Zeit vor 1500 nun ein englisches oder teuflisches Instrument?
Sicher sind bei der geringen Anzahl vorhandener Abbildungen Zweifel an einer statistischen Aussage sehr legitim. Der Beweis ist jedoch erbracht, daß das Instrument sowohl als Attribut für Engel als auch für einen sehr weltlich wirkenden Mann mit einem großen Nierendolch zwischen den Beinen verwendet worden ist.
Was denken Sie, wenn Sie auf einer Abbildung aus den letzten, sagen wir, 30 Jahren eine Mohrrübe abgebildet sehen? Mir fällt spontan "gesunde Lebensweise" ein. Sicher trift das für die sportliche junge Frau zu, die für Möhrensaft wirbt. Was ist aber mit einem Hasen, der eine Mohrrübe in der Pfote hält? Steht die Karotte da nicht eher für "unbeherrschte Gier" oder "Fixiertheit auf ein bestimmtes Nahrungsmittel"? Oder gar die birkenstockbeschuhte langhaarige Comicfigur mit dem Attribut Karotte, mit der sich ein Zeichner über Ökos lustig macht? Offenbar ist die ikonographische Bedeutung einer Sache heute sehr abhängig von den Zusammenhängen, in denen sie dargestellt wird.
Wie sieht es heutzutage mit Musikinstrumenten aus? Wenn ich über das wohl verbreitetste Instrument unserer Tage, die Gitarre, nachdenke, komme ich zu ähnlichen Schlüssen wie bei der Möhre.
Wenn sich das Instrument auf einem Plakat befindet, daß für Reisen nach Spanien wirbt, werde ich es mit feurigem andalusischen Flamenco in Verbindung bringen. Sehe ich eine Gitarre auf einem Liederbuch, denke ich an Lagerfeuer, Pfadfinder und Lieder, in denen Elche und Wildgänse vorkommen - und obendrein eher an Nordeuropa als an das (manchmal gar nicht so) sonnige Südspanien. Eine E-Gitarre gar, wie sie sich beispielsweise als Aufkleber in manchen Audiokasettensorten befindet, steht für mich für wilde Rockmusik - obwohl E-Gitarren im richtigen Leben nachweislich auch anders eingesetzt werden.
Und das Allerverwirrendste: Anderen Menschen fällt bei einer Gitarre in den genannten Zusammenhängen vielleicht etwas ganz anderes ein!
Wenn man sich die Maultrommel vor 1500 betrachtet, scheint sich bei der Nutzung und Wahrnehmung von Symbolen nicht viel geändert zu haben. Leider gibt es vor 1500 mehr archäologische Funde als Abbildungen von Maultrommeln. Vielleicht eignen sich die beiden "klassischen" Musikinstrumentengegenspieler - Harfe und Dudelsack - besser für eine Erläuterung, da sie zu den meistdargestellten des Mittelalters gehören.
Dudelsackabbildungssammler wissen es: Die meisten dudelsackologischen Treffer in Mittelalter und Früher Neuzeit gibt es bei Darstellungen der Geburt Christi. Wofür steht aber der oft einfach als "teuflisch" interpretierte Dudelsack hier? Als Attribut der Hirten, der Ländlichkeit schlechthin, und mitnichten als etwas Böses. Und auch die Engel treten hier wieder auf den Plan. Wer aufmerksam durch eine große Sammlung von mittelalterlichen Altarretabeln und Andachtsbildern geht, wird schnell eine Anzahl von Mariendarstellungen zusammenhaben, auf denen zum Lobe der Jungfrau eine Sackpfeife von Engeln geblasen wird. Das funktioniert übrigens besonders gut in Norditalien.

Musizierende Engel zu Füßen einer Marienkrönung, Norditalien. Giotto di Maestro Stefano, Mitte des 14. Jahrhunderts

Die Teufelei ist trotzdem keineswegs von der Hand zu weisen. Oft gibt es beispielsweise moralisierende Darstellungen von Teufeln, die mit einer Frau tanzen, wobei ein weiterer auf einer Sackpfeife musiziert. Ob hierbei der Tanz an sich oder der Dudelsack als zeittypisches (Tanz)musikinstrument verteufelt wird, ist mir unklar.

Hochzeitsmusikanten aus "Der Teufel nimmt die Ungerechtigkeit zur Frau" aus Flores virtutem oder das Buch der Tugenden, gedruckt in Augsburg. Hans Vintler, 1486

Harfen werden so oft als Symbol des Himmlischen und der Engel schlechthin angesehen, daß es jede Menge Witze darüber gibt. Dieses Instrument wird jedoch im Mittelalter meines Erachtens genauso häufig in kritisierender und moralisierender Absicht dargestellt wie die Sackpfeife. Von Teufeln oder dämonischen Wesen gespielt, finden wir sie beispielsweise bei Hieronymus Bosch auf dem Triptychon des Heiligen Antonius im Mittelteil und auf dem Triptychon des Jüngsten Gerichtes in Wien in der Akademie auf dem rechten Seitenflügel. Angenehmes Gruseln! Häufig sind harfespielende Schweine auf grotesken Randzeichnungen in Stundenbüchern oder Bibeln und auf Misericordien unter den Sitzen von spätmittelalterlichen Chorgestühlen. Der Esel mit der Harfe als Symbol des unvollkommenen, sündigen Menschen ist in der romanischen Plastik Frankreichs geradezu notorisch und leitet sich in seiner christlichen Auslegung von einer antiken Fabel her.

Der Esel mit der Harfe, Archivoltenfigur, Kirche in Alulnay-de-Saintonge. 12. Jahrhundert

Ein sehr prominentes Beispiel einer "unmoralischen" Harfe ist für mich die auf der Tafel genannt "Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge" abgebildete von H. Bosch. Auf dem mit "luxuria" - Wollust - beschrifteten Abschnitt sieht man neben einem tafelnden Paar eine Kanne und Musikinstrumente auf einer Wiese liegen. Das Paar wird durch einen Narren unterhalten, der sich - wahrscheinlich von einem Mönch - mit einem Kochlöffel prügeln läßt. Dahinter erkennt man ein Zelt, in welchem ein Mann einer Frau handgreiflich nähertritt.

Allegorie der Wollust auf der Tafel mit den Sieben Todsünden, Niederlande. Hieronymus Bosch, wahrscheinlich spätes 15. oder frühes 16. Jahrhundert

Nebenan auf derselben Tafel, bei den Vier letzten Dingen, musizieren Engel anläßlich des Einlasses der Seligen in den Himmel beim Jüngsten Gericht auf Psalter und Harfe.
Das, was hier für Musikinstrumente gesagt worden ist, gilt auch für andere Dinge und Lebewesen. Besonders auffällig ist es bei der Tier- und Fabeltiersymbolik. Bereits die Unterscheidung zwischen realem und Fabeltier ist schwer. Der Blick in ein Überblickswerk zur Tierikonographie genügt, um den Hilfesuchenden zu verwirren, der glaubt, für den an einer romanischen Kathedrale erblickten steinernen Affen eine alleingültige Auslegung zu finden.
Mit der Zeit gelangte ich zu der Annahme, daß es in der Geschichte meist mehrere Auslegungmöglichkeiten für ein Symbol in der Kunst gibt, oft abhängig von der Umgebung des jeweiligen Gegenstandes oder Wesens. Wir sollten uns, denke ich, von der angenehmen Vorstellung verabschieden, jeder dargestellte historische Instrumententyp hätte seine gleichbleibende Bedeutung. Daran hat sich bis heute nichts geändert - denken wir an die Gitarre oder die Möhre.

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Die Idee, daß auch heutzutage die Dinge ikonographisch fast nie nur eine einzige Bedeutung haben, kam mir dank Simon Waschers Hinweis auf den Begriff "Rotes Licht".

Merit Zloch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der Internet-Zeitschrift "Abwegslung" veröffentlicht. Die Wiedergabe hier erfolgt mit Genehmigung der Verfasserin.