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THEMA: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen?

Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 5 Jahre 6 Monate her #13

  • TomasSauer
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Sorry, lieber Jörn, aber jetzt geht's mir ein wenig zu sehr ins Esoterische.
Erstens einmal finde ich das Sackpfeifenzitat brutal aus dem Zusammenhang gerissen. Simpl. beschreibt an dieser Stelle sein Unwissen über die Dinge der Welt (seines Knans Hauswesen) und sein Sackpfeifenspiel (über das es in der Folge noch wesentlich mehr zu lesen gibt, das 3. Kapitel Meldet von dem Mitleiden meiner getreuen Sackpfeif) und sagt eben nur, daß er, wie es sich für das Hirtenklischee gehört, Sackpfeife gespielt hat. Der Satz mit der Theologie hat für mich mit der Sackpfeife nichts mehr zu tun, er erzählt da eben nur, daß er davon keine Ahnung hatte.
Was ich interessant finde, sind die Jalemi-Lieder, die in der DTV-Ausgabe als "Klagelieder" übersetzt werden (angeblich griechischer Ursprung). Andererseits sieht mir das einer phonetischen Transkription von "Chalumie" (Name für die Schäferpfeife bei Mersenne) verdammt ähnlich - was wieder nur zeigt, daß wer sucht auch findet.
Harmonie wurde in der Zeit aber sicherlich auch synonym für "Melodie" benutzt, so schreibt beispielsweise Athanasius Kircher (1662) in seiner "Musurgia Universalis" über die Sackpfeife: "Wann der Sack mit Wind angefüllt und mit dem Arm gedrucket wird, so macht er die darin steckende Pfeifen lebendig, welche, nachdem die orificia zu- oder aufgeschlossen sind, underschiedene Harmony herfür bringen."
Daß Harmonie, Kosmologie und Astronomie über Pythagoräismus verbandelt waren (wenn auch fälschlicherweise - Umlaufzahlen von Planeten sind gerade NICHT rational, also nicht harmonisch, weswegen Huygens nicht so viel später für sein Planetenmodell bereits Kettenbruchapproximationen nutzte) ist klar und bekannt, Carlos Mora (www.pianomora.de/) hat mir von einem spanischen Buch aus der Barockzeit erzählt, indem eine komplett astrologisch motivierte Harmonielehre dargestellt wird, ich muss ihn mal nach dem Autor und dem genauen Titel fragen (soweit ist es nur Hörensagen). Aber daß es darum in diesem einen Satz im Simplicissimus (man beachte den Namen!) gehen soll, das halte ich für ziemlich an der Glatze herbeigezogen.
Das mit den Kombinations- und Residualtönen ist alles ziemlich interessant (Tip: Helmholtz!), aber ich denke die "Harmonien" des Dudelsacks bei Grimmelshausen sind einfach nur Melodien.
Und nicht jede Aufzählung von drei Gegenständen hat wirklich religiöse Bedeutung.
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Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 5 Jahre 6 Monate her #14

  • Jörn
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Es geht mir keineswegs darum, dem Buch noch heute gültige Lehrsätze über die Physik und die Astronomie zu entnehmen. Für uns ist die Astrologie natürlich esoterisch. Aus damaliger Perspektive ist sie aber ein Weltdeutungsmuster.
Allein auf der Basis einer einzigen Textstelle würde ich nicht auf Anspielungen an die Sphärenharmonie schließen, aber es gibt einige Verweise.
Der Hinweis darauf, dass Harmonie auch ein Synonym für Melodie sein kann, nehme ich dankend auf.
Für die Literatur des Barock, so betonte stets mein Dozent, sind Emblematik und Allegorie zentrale Begriffe. Es ist also legitim, nach Strukturelementen zu suchen, die nicht gleich offensichtlich sind.
Bislang habe ich das erste Buch analysiert. Auffällig ist die Kontrastierung von Lärm, Schreien, Wehklagen mit Wohlklang, Harmonie, Frieden.
Ich konnte tatsächlich nachweisen, dass Hinweise auf lautliche Phänomene im Text sich auch den Gegensätzen von Krieg und Frieden, menschlicher Sünde und Gott zuordnen lassen.
Wenn Interesse besteht, kann ich meine Ergebnisse mal mailen.
Es ist zwar noch die Rohfassung, aber die Grundlinien sind erkennbar.
Besonders dankbar bin ich für Hinweise auf musiktheoretische Werke, sowohl der damaligen, als auch unserer Zeit.
Ihr werdet wohl schon gemerkt haben, dass meine Kenntnisse nur rudimentär sind.
Ich spiele rein autodidaktisch etwas Bassgitarre, Banjo und Mundharmonika und habe großen Nachholbedarf, was die Harmonielehre anbelangt.
Da ich dies aber immer schon mal machen wollte, kommt es mir ganz gelegen, nun endlich etwas gegen mein Unwissen zu tun.
Jalemigesäng verweist übrigens auch auf Orpheus, denn es lässt sich mit Klageleid übersetzen. Orpheus beklagte den Verlust seiner Eurydike und das Resultat war der Jalemigesang. Simplici wird im späteren Verlauf am Hof von Paris in einer Oper Orpheus verkörpern. Man kann also von einer Proplese sprechen. Orpheus ist ja auch der Stoff der ersten Oper von Monteverdi

Lieben Dank!
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Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 5 Jahre 6 Monate her #15

  • TomasSauer
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Daß im Simplicissimus Allegorien und dergleichen zu finden sind, versteht sich ja von selbst. Aber wie schon Umberto Eco im Foucaultschen Pendel so wunderschön gezeigt hat, kann man, wenn man nur genug sucht, irgendwann überall alles finden (sogar der Gral in Integraltransformationen).

Nach kurzen Rumgeblättere würde ich laienhaft die Sackpfeife als Allegorie für das einfache und einfältige Landleben sehen, was dazu passt, daß Simpl. diese zu Boden fällt als er wenig später auf die Reiter trifft. Und daß sie das einzige ist, was er vom Hofe mitnimmt.

Was die Jalemie/Ialemie angeht, habe ich in den Weiten des Internet nur eine kommentierte englische Übersetzung gefunden [www.newfoundpress.utk.edu/pub/osborne/Notes.pdf], wo auf Garzoni verwiesen wurden. Hast Du da noch weitere Quellen? Das wäre wirklich interessant.

An Musiktheorie des Barocks würde ich was Harmonien, Intervalle etc. angeht Mersenne als erste Adresse nennen (leider gibt es meines Wissens den "Traite de l'Harmonie Universelle" nur auf Französisch), denn der zeigt auch ganz deutlich, daß das Barock schon naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle kannte: "La Musique est une partie des Mathematiques, et par consequence une science qui montre le causes, les effets et les proprietez des son, des chants, des concerts, et de tout ce qui leur appartient", :woohoo: Dann den schon erwähnten Kircher (da steht viel zum Lachen drin) und das komplette "Syntagma Musicum" von Prätorius, aber bitte auch den Text lesen und nicht nur die Bilder anschauen :whistle:
Letzte Änderung: 5 Jahre 6 Monate her von TomasSauer.
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Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 5 Jahre 6 Monate her #16

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Umberto Eco liegt natürlich goldrichtig. Vielleicht sollte man noch bedenken, dass es sich um einen satirischen Roman handelt. Wenn Simplici also auf die Meldodie des Morgensterns hinweist, die er noch nie auf seiner Sackpfeife ausmachen konnte, dann kann man darin wohl eine ironische Brechung der feierlichen Stimmung sehen.
Astrologische Querverweise werden ja häufig im Roman eher persifliert. Der Narr Jupiter, der die Einheit der Religion wiederherstellen möchte, ist zum Beispiel nicht ganz richtig im Kopf und Simplici nimmt ihn argumentativ ganz schön in die Mangel.

Die Interpretation der Sackpfeife als Bestandteil der ländlichen Idylle teile ich.
Wenn du dir den Liedtext durchliest, der kurz vor der Gefangennahme durch die Soldaten zu finden ist, findest du noch Hinweise auf den ersten Bauersmann Adam.
Der noch namenlose Simplici wird also systematisch in den Kontext von Urspünglichkeit, Naivität und Weltferne gesetzt. Spannend ist zudem, dass er wie es von indianischen Ureinwohner heißt, die den spanischen Konquistadoren begegneten, Pferd und Reiter für ein Wesen hält. Das passt ebenfalls zu der Einbettung in Ursprungsmythen. Bei dem Anspielungsreichtum muss man aber immer beachten, dass akomische Effekte beabsichtigt sind und der Autor trotzdem, so hinterlassene Selbstauskünfte, seinen Simplicissimus als religös versteht.

Französisch beherrsche ich ganz gut und lese es auch sehr gerne. Da ist der Tipp klasse!

Zu den Jalemigesäng müsste ich mir etwas in meinen Seminarmitschriften notiert haben. Ich schaue mal nach.
Der Link www.newfoundpress.utk.edu/pub/osborne/Notes.pdf ist leider defekt.
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Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 4 Jahre 10 Monate her #17

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ich hba mir nicht alles durchgelesen, vielleicht ist das schon gesagt worden, was ich sage, aber zum thema harmonien auf sackpfeifen:
das ist eine sog. ceccola poliphonika! das instrument ist quasi eine neuerfindung, daher bezweifle ich, dass es in deinem text gemeint ist! jedoch beweist es, dass harmonien auf dudelsäcken möglich sind ;)
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Aw: Kann man auf einer Sackpfeife Harmonien spielen? 4 Jahre 9 Monate her #18

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Der Begriff der Vielstimmigkeit und/oder Harmonie muss - so denke ich - in der damaligen Zeit etwas weiter gefasst worden sein, als wir das heute tun. Ich bin gerade in einem anderen Text auf eine analoge Textstelle gestoßen:

"So sang in verliebtem Wahnsinn Leander und wiederholte auf dem vielstimmigen harmonischen Dudelsack die zärtliche Melodie (...)"
(Aus: v. Ittner, Hero & Leander am Bodensee, Libelle Vlg. 2012, S. 18)

v. Ittner (1754-1825) hat den Text um 1815 verfasst, also schon in weitgehend "dudelsackfreien" Zeiten in Südwestdeutschland. Wir wissen natürlich auch nicht, welche Art von Sackpfeife ihm vorschwebte, ob er noch irgendwelche alemannischen Waldbauern mit diesem Instrument sah, oder ob ihm schon der Klang der als Bettelmusikanten umherziehenden Zampognari vorschwebte. Aber das Bild vom Dudelsack als "vielstimmig harmonischem" Instrument hat offenbar die Zeit seit Grimmelshausen überdauert... Wenn das nicht tatsächlich eine Anspielung auf den Simplicissimus dartsellt: v. Ittner war hochgebildet, stand in Kontakt u.a. mit Wieland, war hoher badischer Verwaltungsbeamter, u.a. in Konstanz & Freiburg, und Gaisbach im Renchtal (wo Grimmelshausen seinen Lebensabend verbrachte, heute OT von Oberkirch), liegt ja auch in Baden. Da gäbe es also theoretisch Berührungspunkte...
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