Thomas Gundermann: Halga Mogador

Live vom Gnawa-Festival 2006 Marokko


 Da liegt nun seit fast einem Jahr eine CD auf meinem Schreibtisch, und ich kann mich nicht aufraffen, einen Vorstellungstext zu verfassen. Nicht, dass die Musik darauf so schlecht wäre oder mir nicht gefallen würde, nein, ganz im Gegenteil. Aber wie beschreibt man das absolut Ungewöhnliche, etwas, das aus dem Augenblick geboren ist, und auch dem Zauber das Augenblicks verhaftet bleibt?

Irgendwie muss ich es doch tun. Also stelle man sich die rhythmus- und percussionsbetonte Musik Nordafrikas, namentlich Marokkos vor, zu der sich improvisierend eine mittelalterliche Sackpfeife gesellt. Wer sich das vorstellen kann, dem habe ich genug gesagt, allen anderen wird diese CD ein Rätsel bleiben, bis sie sie selbst gehört haben.

Es handelt sich bei dieser CD um einen Live-Mitschnitt von Gnawa-Festival 2006 in der marokkanischen Stadt Essaouira, etwa 150 km westlich von Marrakesch an der Atlantikküste gelegen. Die Bezeichnung "Gnawa" weist auf Guinea hin, was klar macht, dass es sich bei dieser Musik mehr um westafrikanische als orientalische Traditionen handelt. Die Sackpfeifenklänge steuert Thomas Gundermann bei, der zur Zeit auch in verschiedenen deutschen Orten zusammen mit dem Autor Andreas Kirchgäßner zu hören und zu sehen ist. Das Projekt der beiden, zu dem auch diese CD gehört, befasst sich mit der Kultur der Gnawa und Aissaoua von Marokko und stellt diese musikalisch und erzählend dar.

Die CD enthält den Livemitschnitt von improvisierten Sessions, die Thomas Gundermann mit seiner Sackpfeife zusammen mit einheimischen Musikern gemacht hat. Wer einen Hörgenuss erwartet, wird hier in mehrfacher Hinsicht enttäuscht. Zum einen bleibt die Tonqualität weit hinter dem zurück, was man heute von Studioaufnahmen gewohnt ist. Das liegt einfach daran, das es keine Studioaufnahme ist, sondern mit einem einfachen Kassettenrekorder im Gewühl der Zuhörer aufgenommen wurde. Zum anderen handelt es sich um unvorbereitete, ungeplante und ungeschnittene Improvisationen, um Musik also, die im Moment ihrer Darbietung erst entsteht und unmittelbar darauf vergangen ist.

Hierin liegt auch der Zauber dieser Aufnahme: Es ist der eingefangene Augenblick einer Kulturäußerung, der in dieser Form unwiederholbar ist, und somit ein kulturgeschichtliches Dokument. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Informationen bei www.scarazula.de