Bau einer Schäferpfeife nach Praetorius

Beschreibung und Konstruktionspläne einer Rekonstruktion der Schaperpfeiff aus Michael Praetorius Syntagma Musicum von 1619


Im Folgenden die Übersetzung eines Artikels aus der Veröffentlichung "Chanter", Ausgabe Spring 2005, der Bagpipe Society. Der Autor John Tose hat sich mit dem Bau einer Schäferpfeife, wie sie Michael Praetorius in seiner Syntagma Musicum abbildet und beschreibt, beschäftigt und hat seine Ergebnisse zusammen mit den Bauplänen zunächst im Chanter veröffentlicht. Die Übersetzung und Veröffentlichung im SackpfeifenClub erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Bagpipe Society.

Schäferpfeife nach Praetorius

Probleme mit den Quellen

Auf den ersten Blick schienen die Informationen von Praetorius ideal zu sein. Die Spielpfeife verfügt über eine Oktave in F und den tiefsten Ton E. Betrachtet man die Abbildung, so hat die Spielpfeife in etwa die zu erwartende Länge im Verhältnis zum Rest des Instruments, und wie der Zufall es wollte, verfügte ich bereits über eine F-Spielpfeife von einem früheren, unvollendeten Projekt, die der abgebildeten ziemlich ähnlich sah.

Dabei ging ich davon aus, dass die Spielpfeife vom normalen, konisch gebohrten Typ wäre. Da sie aus Deutschland stammt, das das Übergangsgebiet zwischen den Dudelsäcken mit Einfachrohrblatt des Ostens und den konischen Spielpfeifen des Westens bildet, ist das aber keineswegs sicher. So wie Praetorius sie beschreibt, müsste die Lage der Spielpfeife für ein konisches Instrument korrekt sein, aber in diesem Fall hätte er die Stimmung der Bordune falsch angegeben. Die längere Bordunpfeife ist eine Oktave unter dem Dreifingerton der Spielpfeife (B) und die kürzere unisono mit dem Grundton (F), was für beide Bordune je eine Oktave zu hoch wäre. Ist die Spielpfeife dagegen zylindrisch gebohrt und mit Einfachrohrblatt versehen, könnte dieses Verhältnis sehr wohl stimmen, müsste aber insgesamt eine Oktave tiefer sein!

Ähnliche Probleme entdeckt man bei den Stimmungsangaben einiger anderer beschriebener Sackpfeifen (Hümmelchen), was mich zu dem Schluß bringt, dass Praetorius keineswegs mit den Sackpfeifen vertraut war, die er beschreibt. Wie zuverlässig sind dann aber die Zeichnungen? Er schreibt: 'Im Ertzstifft Magdeburg hab ich eine sonderliche Art von Sackpfeiffen gesehen/ welche etwas grösser/ als die Schäfferpfeiffen/ und umb eine Tertien tieffer seyn'. Es handelt sich um die Magdeburger Sackpfeife mit Doppelspielpfeife, deren Abbildung in Bordunen und Blaspfeife identisch zur Schäferpfeife ist (einschließlich der Einzelheiten der Drechselarbeit). Das läßt vermuten, dass der Illustrator entweder eine Beschreibung umgesetzt hat oder im besten Fall rohe Skizzen. Die einzige andere Erklärung wäre, dass beide Instrumente vom selben Hersteller gemacht wurden, was ziemlich unwahrscheinlich ist, wenn man bedenkt, dass Praetorius es für nötig erachtet, die Magdeburger Sackpfeife als etwas ungewöhnliches, das er selbst gesehen hatte, zu erwähnen.

Schließlich entschied ich mich für eine konische Spielpfeife, für die ich ein Highland-Bagpipe-Rohrblatt so zurechtschabte und -drückte, so dass es mit vernünftigem Druck spielte. Ferner sollte der Sechs-Finger-Ton ein F ergeben mit einer kleinen Sekunde darunter, und der Bass-Bordun sollte das B zwei Oktaven unter dem Drei-Finger-Ton der Spielpfeife, der Tenor das F eine Oktave unter dem Sechs-Finger-Ton spielen. Außerdem entschloß ich mich, die Bohrung aller Bordunteile gleich zu machen, aus dem einfachen Grund, weil die Bordune dann viel einfacher mit Rohrblättern zu versehen sind, als wenn sie gestufte Bohrungen hätten. Der B-Bordun sollte einen Schalltrichter bekommen, der F-Bordun dagegen nicht. Mit der gleichförmigen Bohrung in den jeweils drei Teilen, wie in den Zeichnungen zu sehen, ist es durch Verschieben möglich, beide Bordune um je einen Ton höher auf C bzw. G zu stimmen, so dass Melodien auf dem Fünf- bzw. Zwei-Finger-Grundton basierend gespielt werden können.

Ferner hatte ich das Bedürfnis, das Äußere der gedrechselten Teile den Abbildungen möglichst nahe kommen zu lassen, denn was macht schließlich eine Praetorius-Schäferpfeife aus, wenn sie nicht aussieht wie eine Praetorius-Schäferpfeife?

Pläne

Ich werde die technischen Konstruktionsdetails nicht ausführlich erläutern. Erfahrene Sackpfeifenmacher werden mit den Plänen keine Schwierigkeiten haben. Die einzigen Teile, die etwas komplizierter sind, sind die Spielpfeife, für die erst eine passende konische Reibahle gemacht werden muss, und der Bordunstock, an dem man ziemlich herumbasteln muss, wenn man die Bordune parallel haben möchte.

Ich benutze als Reibahlen immer alte Feilen, die ich mit dem Winkelschleifer in die benötigte Form zurechtschleife und mit einem Griff versehe. Die Spielpfeife wird auf der Drehbank eingespannt, und bei geringer Geschwindigkeit die Reibahle mit der Hand in die vorbereitete, gestufte Bohrung eingeführt. Regelmäßig wird die Reibahle zurückgezogen, um die Holzspäne herauszuholen. Professionelle Drechsler raten von solchen aus Feilen hergestellten Werkzeugen ab, weil sie gerne bei Belastung brechen. Wer derartige Bedenken teilt, sollte eine andere Art von Stahl verwenden, aber für ein Einzelstück sollte weicher Stahl genügen.

Wegen der Länge der Spielpfeife habe ich meine aus zwei Teilen hergestellt und danach zusammengeleimt. Das ist im Plan nicht abgebildet, da es ohne weiteres möglich ist, die Spielpfeife in einem Stück zu machen, vorausgesetzt man hat eine genügend lange Reibahle.

Der Bordunstock ist ein Problem. Ich machte meinen aus zwei Teilen, einem Hauptstück, das zuerst gedrechselt und dann an einer Seite flachgefeilt wurde, um dort das zweite Stück für den Tenorbordun ansetzen zu können. Das Hauptstück ist durchgebohrt, da das Bassbordun-Rohrblatt zeimlich lang ist. Das zweite Stück wurde mit der Hand zurechtgefeilt und teilweise durchbohrt, dann mit Hilfe eines Metallrohres, eines Dübels weiter oben und jeder Menge Leim befestigt.

Diese Konstruktion hat sich so weit als hinreichend stabil erwiesen, obwohl das Original mit Sicherheit aus einem Stück Holz gemacht worden ist, zuerst gebohrt und dann mit der Hand zurechtgeschnitzt.

Ergebnis

Ich hatte bei meinem Entschluß, die Schäferpfeife zu bauen, erwartet, ziemlich auf Melodien in B bzw. C-moll (bei hochgestimmten Bordunen) beschränkt zu sein. Das hatte ich aber nicht als Problem gesehen, da ich nie sonderlich glücklich war mit Melodien, die auf dem Drei-Finger-Ton fussten und von einem Bordun auf dem Sechs-Finger-Ton begleitet wurden. Dementsprechend war ich beim ersten Ausprobieren überrascht, dass auch Drei-Finger-Melodien gut klangen, wie auch viele, aber nicht alle, Melodien auf dem Sechs-Finger-Grundton. Dieser Effekt war sogar auffälliger, wenn die Schäferpfeife auf die Moll-Skala gestimmt wurde.

Die Bordune erzeugen einen sehr sanften, orgelartigen Akkord, der offenbar sehr gut mit einem großen Teil der Spielpfeifetöne harmoniert. Zunächst war ich etwas verblüfft, wie gut das C der Spielpfeife klang. Wie konnte das bei einem Bordun in B sein? Die Antwort erhält man bei einem genaueren Blick auf die Bordunharmonien:

                     
Umfang der Spielpfeife
 
B
C
D
E
F
G
A
B
C
D
E
F
G
A
B
C
D
Es
E
F
B Bordun
1
           
2
     
3
   
4
 
5
   
6
F Bordun        
1
           
2
     
3
     
4
F Bassbordun zum Vergleich        
2
     
3
   
4
 
5
 
6
 
7
 
8

Zusammenfassend liegt der Grund dafür, dass ein Bassbordun zwei Oktaven unter dem Sechs-Finger-Ton so gut klingt, darin, dass die Obertonreihe des Borduns mit fünf der Spielpfeifentöne harmoniert. Fügt man einen Tenorbordun eine Oktave höher hinzu, verstärkt man einige dieser Harmonien. Obwohl im Allgemeinen gilt, dass ein zylindrisches Rohr mit Einfachrohrblatt nur die ungeraden Obertöne erzeugt, sind in der Praxis auch die geraden Obertöne vorhanden, wobei ihre Stärke von der Konstruktion des Borduns an den Innenbohrungen der Verbindungsstücke und der Form der Schallöffnung abhängt.

Die Zusammenstellung der Bordune der Schäferpfeife ergibt ebenfalls eine Harmonie mit fünf Spielpfeifentönen, allerdings anderen. Die Schäferpfeife klingt nicht ganz so gut mit Melodien basierend auf dem Sechs-Finger-Ton, weil die Harmonie mit der Terz fehlt, aber viel besser mit dem Drei-Finger-Grundton, da die Harmonien die Prime, Sekunde und Terz sowie die Unterquart und ihre Oktave, die Quint, unterstützen.

Alles in Allem, ein sehr zufriedenstellendes und brauchbares Instrument.

John Tose