Rohrblattbau für die Renaissance-Sackpfeife

Der folgende Text ist die (ziemlich) wörtliche Übersetzung der Anleitung von Jon Swayne für den Bau von Rohrblättern für seine "Renaissance Bagpipe". Der Übersetzer übernimmt jedoch keine Verantwortung für die Richtigkeit der Übersetzung oder die Brauchbarkeit der Anleitung

Die Bordunrohrblätter machen wahrscheinlich keine Probleme, aber das Doppelrohrblatt der Spielpfeife ist komplizierter. Es folgt daher eine ausführliche Beschreibung.

Werkzeuge

  • kleine Metallsäge
  • kleine Zange
  • Stanleymesser und starke Klingen
  • Kleiner Hobel
  • 3/4" Stechbeitel
  • 2 Innenschliff-Hohlbeitel, d.h. Hohlbeitel mit Schneide am äußeren Radius:
    1. Radius zwischen 20 und 25mm.
    2. Radius zwischen 12 und 13mm.
  • Schleifpapier, Körnung 150, 220 und 320
  • Kleine Feile (siehe unten)
  • 2 Metallstifte (siehe weiter unten unter "Hülse")
  • Messingblech (siehe unten)

Materialien

  • 16mm Schilfrohr (Arundo donax)
  • Baumwollfaden
  • 'Yellow hemp'
  • Wachs
  • Messingdraht (für Fagottrohre)
  • Messingblech, 0,3mm dick, für Hülsen
  • Sekundenkleber
  • Schellack oder Zelluloselack (transparenter Nagellack)

Anleitung

  1. Beim Ablängen der Schilfrohre muß man darauf achten, 1) Teile mit über die Länge möglichst gleichmäßigem Durchmesser und 2) ohne Blattknoten und stärkere Verfärbungen zu verwenden.
  2. Mit der Metallsäge schneidet man das Rohr in Stücke von 124mm Länge.
  3. Mit dem Stanleymesser spaltet man die Rohre der Länge nach in drei gleiche Streifen.
  4. Die Streifen werden mit dem Messer und dem Hobel auf 11mm Breite zurechtgeschnitten, wobei man darauf achten muß, daß die Kanten parallel zu den Schilffasern verlaufen.
  5. Das Aushobeln erfolgt in drei Schritten:
    1. Den Streifen mit dem Messer oder Hobel auf den Querschnitt eines Kreisbogens abflachen. Wenn man den Hobel benutzt, legt man das Schilf mit der konkaven Seite nach oben in ein Ausstoßbrettchen, wie das unten abgebildete.
      Abb. 1 Ausstoßbrettchen
    2. Auf dem Ausstoßbrettchen (siehe Abbildung) mit dem 25mm Hohlbeitel aushobeln, bis die Streifen die Form eines sehr schmalen Halbmondes haben. An den Rändern sollte die Streifen schon sehr dünn sein, die Mitte sollte in diesem Stadium ca. 1,5mm dick sein.
      Abb. 2
    3. Die Streifen mit einem Bleistiftstrich der Breite nach halbieren. Mit dem 12mm Hohlbeitel auf beiden Seiten dieser Mittellinie nach außen hin schneiden, so daß die entstehende Mulde nach außen hin immer tiefer wird, und das Schilf ganz außen höchstens papierdick stehenbleibt. Es ist nicht wichtig, ob dieses Ergebnis mit einem einzigen Schnitt erreicht wird oder nicht; wichtig ist vielmehr, daß der Schnitt nur sehr allmählich tiefer geht. Da der Schnitt immer tiefer wird, kann es passieren, daß man weiter außen die Kanten des Schilfs wegschneidet; das macht aber nichts, weil diese Bereiche später sowieso entfernt werden würden. Die Abbildungen verdeutlichen den Vorgang. Die untere Zeichnung ist ein Schnitt durch die Längsmittelachse des Schilfblättchens (Dicke übertrieben dargestellt), auf dem der zu entfernende Bereich schattiert ist.
      Abb. 3 Schnitt durch das Schilfblättchen
      (Anmerkung: Die Schattierung war bereits auf dem Original kaum erkennbar. Es dürfte aber klar sein,was gemeint ist)
  6. Die Enden des Streifens werden mit dem Messer zugespitzt (Man kann eine Schablone aus Messing dafür anfertigen, die man der Breite nach mit einem Radius von 25mm krümmt, und Schleifpapier mit Körnung 400 auf der konvexen Seite sorgt für bessere Auflage der Schilfstreifen). Die Länge des angespitzten Teils ist 30mm, an der Spitze sollen noch 2mm stehenbleiben.
    Abb. 4 Schilfstreifen vor dem Halbieren
  7. Die Innenseite der Schilfstreifen wird mit zunehmend feinkörnigerem Schleifpapier glattgeschliffen, am besten Körnung 150, 240 und 320. Das Schleifpapier wickelt man um einen Korken und schleift das Schilf im Ausstoßbrettchen.
  8. Das Schilfplättchen wird jetzt in der Mitte mit einem scharfen Stanleymesser auseinandergeschnitten, wozu man es am besten auf ein 50mm Rundholz legt. Die beiden Teile sollten nun die unten angegebenen Abmessungen haben.
    Abb. 5 Abmessungen des Schilfblättchens
  9. Bevor man die Blättchen auf die Hülse bindet, werden sie vorübergehend mit einem Baumwollfaden am breiteren Ende zusammengebunden.
  10. Die Hülse
    Um die Hülse anzufertigen, benötigt man zwei Metallstifte als Formen.
    Formstift 1: Eine einfache konische Spitze auf einem 5mm Messingstab zurechtfeilen oder abdrehen, Abmessungen wie auf der Abbildung
    Abb. 6 Formstift 1
    Formstift 2: Die Spitze eines 5mm Messingstabes wird beidseitig oval auf die unten gezeigten Abmessungen zurechtgefeilt. Rechts daneben ist der Formstift in der Draufsicht dargestellt, und noch weiter rechts der Formstift mit aufgesteckter Hülse. Diese beiden Abildungen sind in doppelter Größe dargestellt.
    Abb. 7 Formstift 2
    Die Herstellung der Hülse erfolgt in drei Schritten:
    1. Aus einem 0,3mm starken Messingblech schneidet man ein Plättchen folgender Größe:
      Abb. 8 Messingblättchen
    2. Das Plättchen wird auf dem Formstift 1 zu einem konischen Röhrchen gerollt, dessen eines Ende 4mm, das andere 5mm Durchmesser hat. Die Fuge wird verlötet.
    3. Das Röhrchen wird auf Formstift 2 in Keilform gebracht. Das dicke Ende der Hülse bleibt rund mit 5mm Durchmesser, während das dünne Ende zu einer Ellipse mit ca. 6 x 2,4mm wird.
  11. Die fertige Hülse steckt man auf den Formstift, um sie besser halten zu können. Auf die flachen Seiten der Hülse, wo die Enden der Schilfblätter sitzen sollen, setzt man ein wenig Sekundenkleber.
  12. Die zusammengebundenen Schilfblätter schiebt man auf die Hülse, wobei man 7mm vom unteren Ende der Hülse bis zur Spitze der Schilfblättchen freiläßt. Die Blätter müssen genau mittig auf der Hülse sitzen. Mit den Fingern drückt man die Blättchen fest an die Hülse, bis der Kleber fest ist.
  13. Jetzt kann man vorsichtig die Ecken, wo der spitze Teil der Schilfblättchen beginnt, mit dem Stanleymesser wegschneiden, so daß dort nichts mehr über die Hülse übersteht.
  14. Die Hülse mit aufgeklebten Schilfrohren auf den Stift gesteckt, beginnt man jetzt, das Schilf mit gewachstem Baumwollfaden fest auf die Hülse zu binden. Man beginnt an der Spitze der Schilfblättchen mit festen Wicklungen, die nach oben steigen, wobei man die Strenge der Wicklung etwas nachläßt, wenn man die Schultern des Schilfs erreicht. Etwa 40mm vom unteren Ende des Rohrblatts wechselt man die Richtung und umwickelt das Rohr jetzt wieder abwärts bis zum Ende der Hülse. Man wickelt wieder weiter nach oben bis ca. 10mm oberhalb der unteren Hülsenöffnung und fixiert den Faden mit zwei halben Schlägen.
  15. Die Wicklung wird mit einem glatten Stahl über dem Schilf glattgestrichen, um sie zu verfestigen und abzudichten.
  16. Man hält das Rohrblatt auf dem Stift in der linken Hand (Rechtshänder; Linkshänder entsprechend umgekehrt) und wickelt drei Schlingen des Messingdrahts gegen den Uhrzeigersinn um das Schilf, direkt oberhalb der Wicklung. Die Enden des Drahtes werden im Uhrzeigersinn verdrillt. Diese Verdrillung soll in der Mitte eines der Schilfblättchen liegen. Überstehender Draht wird abgeschnitten, so daß ca. 5mm der Verdrillung am Rohrblatt bleiben, die man nach unten an die Hülse biegt.
  17. Um das Rohrblatt fertigzustellen, benötigt man ein Stück Messingblech, 0,5mm stark, mit der unten gezeigten Form. Die Kanten mit der gepunkteten Linie werden mit einer feinen Feile zugefeilt.
    Abb. 9 Blättchen zum Schaben des Rohrblatts
  18. Zum Schaben des Rohrblatts schiebt man dieses Messingstück zwischen die Schilfblättchen, aber nicht weiter wie auf der Zeichnung gezeigt.
  19. Die Schabung sollte wie oben auf der Zeichnung aussehen, wobei die Form letztlich durch die Eigenschaften des Schilfs bestimmt wird, weil jedes Stück Schilf sich etwas verhält.
  20. Man kann an dieser Stelle ggf. Zeit sparen, wenn einen relativ großen Teil des Schilf durch Schneiden entfernt, was man am besten mit einem scharfen Stanleymesser im flachen Winkel tut. Immer von der Zwinge in Richtung Öffnung schneiden, und nicht weiter als 3/4 des Weges von Zwinge zur Öffnung das Messer ansetzen. Die auf beiden Schilfblättchen abgenommenen Mengen sollten möglichst gleich sein. Nach dem Schneiden ist es empfehlenswert, die Blättchen mit 150er Sandpapier auf einem Holzklotz abzuschleifen, um die Unregelmäßigkeiten der Messerschnitte auszubügeln.
  21. Zum Schaben kann man ein Stanleymesser benutzen, aber einfacher und besser ist eine feststehende Klinge. Die Klinge sollte man etwa im 60°-Winkel ansetzen. Man schabt von der Zwinge in Richtung Spitze, mit einer leichten Drehung des rechten Handgelenks gegen den Uhrzeigersinn und dem rechten Daumen als Angelpunkt. Da am meisten Material an der Spitze weggeschabt werden muß, geginnt man die Arbeit am besten nicht direkt an der Zwinge, sondern unterhalb der Spitze, und setzt dann immer wieder ein bißchen weiter hinten an. Wenn sich Grate bilden, muß man ein paar mal über die Diagonalen schaben. Man kann die Schilfblättchen auch schleifen wie oben.
    Es ist zu beachten, daß die Schabeklinge generell über die ganze Breite Material wegnehmen soll, obwohl es manchmal hilfreich sein kann, nur an den Kanten zu schaben, um die Form der Schabung zu versäubern.
    Der Umriss zwischen den durch das Schaben freigelegten Schilffasern und der Rinde wird irgendwo zwischen einer schmalen Ellipse und einem 'U' liegen (wie auf der Zeichnung grob zu sehen); je dicker das Schilf ist, desto mehr wie ein 'U', je dünner, desto mehr ellipstisch. Der Umriss hängt allerdings mehr von der Härte und Steifigkeit des Schilfs ab als allein von seiner Dicke, obwohl natürlich diese Faktoren zusammenhängen. Ziel sollte immer sein, von beiden Schilfblättchen gleich viel abzutragen. Somit ist es besser, auf beiden Seiten abwechselnd kleine Schritte zu machen.
    Es scheint kein großer Unterschied zu sein,ob man naß oder trocken schabt. Naß ist ein wenig sicherer, weil das Risiko, daß das Schilf bricht, geringer wird. Zum Testen muß das Schilf ohnehin angefeuchtet werden.
  22. Wenn das Schilf beinahe die endgültige Stärke erreicht hat, kann die Öffnung oben rechtwinklig abgeschnitten werden. Das macht man mit einem sehr scharfen Messer, am besten auf einem Hirnstück von sehr dichtem Holz, etwa Buchsbaum. Wieviel man insgesamt abschneidet, gehört bereits zum Stimmen des Rohrblatts, aber 1 bis 2mm kann man jetzt gleich abschneiden. Die Ecken können auch leicht abgeschrägt werden, damit sie nicht so leicht brechen. Das muß man wiederholen, wenn das Rohrblatt später weiter verkürzt wird.
  23. In diesem Stadium kann man anfangen, auf die Weite der Öffnung der Lippen zu achten, die eventuell leicht verringert werden muß, indem man die Zwinge zusammendrückt. Zuvor ist es ratsam, das Schilf anzufeuchten, damit es nicht so leicht bricht.
  24. Das Rohrblatt kommt seiner Fertigstellung nicht nahe, bevor es nicht zu krähen beginnt, wenn man hindurchbläst. Dieses Krähen ist in Wirklichkeit die Kombination oder das abwechselnde Erklingen von zwei verschiedenen Frequenzen, und mit sorgfältigem Blasen kann man für gewöhnlich die beiden trennen.
  25. Zum endgültigen Fertigmachen muß das Rohrblatt in der Spielpfeife getestet werden. Logischerweise will man eine genau gestimmte Skala in der richtigen Höhe und bei gleichmäßigem Spieldruck erreichen. Obwohl man das mit etwas Übung auch bei mundgeblasener Spielpfeife feststellen kann, ist der einzig sichere Weg doch, die Spielpfeife im Sack gegen einen der eigenen Bordune oder mit einem Stimmgerät zu prüfen. Das Fertigmachen des Rohrblatts ist unzweifelhaft jener Arbeitsgang, der am meisten Erfahrung benötigt. Diese Erfahrung kann durch nichts ersetzt werden, und sie wird üblicherweise durch eine Anzahl unbrauchbarer Rohrblätter erreicht. Abhilfen für einige Probleme findet man in der Tabelle unten.
  26. Wenn das Rohrblatt soweit brauchbar ist, kann man die Wicklung gegen eventuelle Undichtigkeiten an den Stellen, die nicht die Fassung der Spielpfeife berühren, lackieren.
  27. Man beachte, daß jedes Leck an den Seiten zwischen den Blättchen verhindert, daß das Rohrblatt ordentlich funktioniert. Solche Lecks können manchmal geschlossen werden, indem man mit einer Zange die Zwinge an den Kanten des Rohrblatts zusammendrückt, und dann die richtige Öffnung wieder durch Druck auf die Mitten herstellt, möglichst ohne das Rohrblatt zu zerbrechen. Wenn das nicht funktioniert, ist das Rohrblatt wertlos.
  28. Bei den folgenden Tests darf man nicht vergessen, daß
    1. die Tonhöhe von Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhängt. Eine Temperaturdifferenz von 10° Celsius bewirkt eine Tonhöhendifferenz von ca. 1%, das bedeutet ca. 15cent bei 440Hz. Man sollte also ein Rohrblatt nicht unter extremen Temperaturen und Feuchtigkeitsbedingungen abstimmen, außer wenn das Rohrblatt unter eben diesen Bedingungen funktionieren soll. Normale Temperaturschwankungen können durch Verändern der Lippenöffnung und der Position des Rohrblatts in seiner Fassung ausgeglichen werden.
    2. man muß regelmäßig prüfen, ob die Lippenöffnung des Rohrblatts richtig ist.
      Zu weit offen = hoher Druck nötig, Stimmung zu tief, lauter Ton.
      Zu weit geschlossen = geringer Druck nötig, Stimmung zu hoch, tiefe Töne schlagen über und bleiben weg.
    Symptom Ursache Abhilfe
    zu hoher Druck nötig Lippen zu weit offen Zwinge zusammendrücken
    Schilf zu steif dünner schaben
    Stimmung zu tief, aber in sich korrekt Schilf zu weich, oder Rohrblatt zu lang an den Lippen abschneiden, aber nicht mehr als 0,5mm auf einmal
    Stimmung zu hoch, aber in sich korrekt Schilf zu steif, oder Rohrblatt zu kurz dünner schaben; wenn das nichts hilft, wegschmeißen
    tiefe Noten zu hoch Schilf hart, Schabung zu kurz Schabung in Richtung Wicklung verlängern
  29. Es schadet nicht, das Rohrblatt abschließend mit feinem Sandpapier (Körnung 340) auf einem Block zu glätten.

Hier noch eine Anmerkung zu den Bordunrohrblättern: Jon Swayne hat angegeben, daß man handelsübliche Highland-Bagpipe-Rohrblätter verwenden könne. Im Allgemeinen dürfte es einfacher sein, sich solche Rohrblätter zu beschaffen, als Schilfrohr mit geeignetem Durchmesser aufzutreiben (Liste der Bezugsquellen).

Soweit die Anleitung von Jon Swayne.